Wütendes Vergessen

angry forgetting

Wütendes Vergessen

Wütendes Vergessen!?

Geht es Ihnen manchmal so, dass Sie am Freitag das Gefühl haben, es sei erst Dienstag? Oder dass Ihr Kurzzeitgedächtnis Sie im Stich lässt, während Sie in alten Erinnerungen schwelgen könnten?

Sie sind nicht allein, sondern in guter Gesellschaft der Vielen, die die letzten Monate im Homeoffice verbrachten und nötige Herausforderungen, ihr Gedächtnis zu üben, vermissten.

Macht nichts, ist nicht so schlimm?

Leider doch, denn mit der Fitness bestimmter Hirnareale ist auch die Wahrnehmungsebene betroffen und damit das gefühlte und tatsächliche Vermögen, sich zu konzentrieren, zu fokussieren, zu reflektieren und Komplexität zu verstehen. Dies führt oft zu einem Gefühl des Kontrollverlustes und ungeachtet der tatsächlichen Beeinträchtigung verlangen wir nach Sicherheiten, Kontrolle und Macht.

Meine These also ist, dass das verminderte Vermögen, Komplexität zu erfassen, zu einem Verlust von Agilität führt, einer Voraussetzung dafür, sich in der aktuellen Situation zu bewegen.

Kontrollverlust versus Machtlust ?

Welche Erfahrungen machen Sie? Ist Ihre Arbeitswelt hybrider geworden?
Wie viele Vorteile ziehen Sie aus der neuen Situation?
Wieso frage ich nicht nach den Nachteilen derselben?
Welche Gestaltungsrahmen bietet das „neue Normale“?
Wie erhalte ich mein gefühltes und tatsächliches Denk- und Erinnerungsvermögen?

Eine Frage ist schnell zu beantworten: Die Nachteile (für Lösungen dieser Art) zu erfragen, ist minder erheblich, sie blockieren unsere Kreativität und die Erinnerung an Erfolge.

Wichtiger ist zu fragen: worin waren Sie und Ihre Organisation erfolgreich? Wieviel Agilität und wieviel Struktur waren hilfreich beim Reorganisieren der Lebens- und Arbeitswelt? Wie konnten Sie Mut und Freude aufrecht erhalten?

Und dann: wie beeinflussen wir unsere Fähigkeit, konzentriert und rasch zu erkennen, zu analysieren, zu agieren, zu reagieren? Wie halten wir unsere Flexibilität aufrecht?

Wie üben wir unser Denkvermögen im Rahmen neuer digitaler Anforderungen und vermehrt fehlender sozialer, empathischer Wechselbeziehungen?

Wie reagieren wir auf, wie unterscheiden wir zwischen Fake und subjektiver Wirklichkeit? Wie wertschätzen wir Fakten?
Wie „agil“ handhaben wir Komplexität? Wie gehen wir mit Unsicherheiten, Volatilitäten, Mehrdeutigkeiten um?

Worin besteht unsere Freiheit?

Sicher werden wir alle noch viel dazulernen müssen, weiter entwickeln und neu erfinden. Für heute habe ich drei Lösungsansätze anzubieten:

1. Nora Bateson bezieht sich in Ihren Überlegungen zu „Emergence“ auf die Annahme, dass vielen gegenwärtigen Ergebnissen Entwicklungen mehrerer Generationen vorangehen und eine Lösung im Verständnis desselben liegen, ohne die Wurzeln der Entwicklung bloßlegen zu müssen. Sie nennt dieses Verständnis „Warm Data“ – Empathie, Intuition und Verständnis -, auf dem dann gemeinsames Lernen („Symmatesy“) und Lösungen aufbauen.

2. Studien ergaben, dass die tatsächliche Übung unterschiedlicher Hirnregionen nicht nur das Erinnerungsvermögen stärken, sondern zu einem entspannteren, allgemeinen Wohlbefinden führen. Studien zeigen, dass die ruhige, gelassene Beanspruchung derselben Hirnregionen zu rascheren und angemessenen Erinnerungen und Entscheidungen führen. Ich nenne es Klarheit aus dem (Los-)Lassen und Neugier auf das, was dann kommt.

3. Reflexion über das eigene Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle: Marshall Rosenberg schreibt in „The Purpose of Anger“, dass Ärger und Wut Ausdruck nicht erfüllter Bedürfnisse seien. Diese selbst und dann bei anderen zu erkennen und zu artikulieren, könnte uns reichlich viel Anstrengung ersparen, (uns selbst und) anderen Kontrollsysteme aufzuerlegen.

Wieviel besser wirkten dann Selbstvertrauen, Selbstverantwortung und Sinnstiftung für Komplexitätsbewältigung und den Ausbau agiler Haltungen.

Sicher fallen Ihnen noch andere hilfreiche Haltungen und Fähigkeiten ein.
Schreiben sie uns. Gemeinsam schaffen wir eine diverse, agile, lösungsorientierte Welt in Bewegung.

Ach ja: vergessen wir bitte nicht, uns diese Zukunft bunt und sinnstiftend zu malen. Dann kann es gelingen….

Schreiben Sie uns Ihre Eindrücke und Antworten. Lernen wir gemeinsam,
Ihre

Barbara & Michel

Ergänzende Literatur
https://advances.sciencemag.org/lookup/doi/10.1126/sciadv.abc7606
Surprising Purpose of Anger by Marshall B. Rosenberg, ISBN 9781892005151
Nora Bateson: https://warmdatalab.net/warm-data